Im Pavillon des österreichischen Handelsministeriums sind seit einiger Zeit vier Tableaux mit graphischen Darstellungen der Leitungen des Staatstelegraphen in Wien, Prag, Graz und Triest est ausgestellt. Besonderes Interesse erregt das Telegraphennetz von Wien, welches einen vielfach gegliederten und umfangreichen Organismus darstellt. Den Mittelpunkt desselben bildet die Centralstation, gleichsam das Herz und die Seele des Ganzen. Wer das Tableau gesehen hat und dann vor das Telegraphen-Palais auf dem Börsenplätze tritt, wird allerdings schier erstaunt, ja enttäuscht sein, nichts von dem erwarteten Drahtgewirre zu erblicken, welches aus dem Tableau dargestellt ist, da außer den am Gemäuer vorbeiführendcn Telephon-Leitungen der Wiener Privat-Telegraphen-Gesellschaft nur wenige Drähte, und zwar auf dem Dache, zu bemerken sind. Diese, zehn an der Zahl, verbinden einige Stationen im Weichbilde der Stadt (k. k. Hofburg, Polizei-Direction etc.) mit der Centralstation des Staatstelegraphen. Der Hauptstrang der Leitungen ist aber unsichtbar, weil er unterirdisch gelegt ist. Auf der Zeichnung ist dieser Theil deutlich warkirt. Es gehen zwanzig Kabel von der Centralstation aus, von denen eines zur Effecten-, daun weiter zur Fruchtbörse abzweigt, während die anderen nennzehn zu dem bekannten Kabel auf dem Franz-Josephs-Kai führen. Jedes der zwanzig Kabel ist 500 Meter lang und enthält je sieben Leitungsdrähte, im Ganzen also 140 Drähte; es verfügt daher die WienerHauptstation über 152 Leitungen, wenn die oberwähnten zehn und zwei oberirdisch geführten Börsenleitungen zugezählt werden. Unter diesen befinden sich auch einige todte Drähte. Todte Leitungen nennt man jene, welche mit keinen Apparaten in Verbindung stehen, im Gegensatze zu den im Betriebe stehenden, zu den sogenannten "lebenden Drähten", denn der durchfließende elektrische Strom gibt ihnen sozusagen erst Leben.
Diese Kabel-Anlage, im Jahre 1873 ausgeführt, wäre die erste größere unterirdische Leitung in Oesterreich, wenn man von den verunglückten Versuchen früherer Zeit absieht. Im Jahre 1850 waren etwa 160 Meilen einfach mit Guttapercha umpreßte Drähte unterirdisch gelegt; allein schon 1852 kehrte man, nach den schlimmen Erfahrungen, die man mit dieser Art Leitungen machte - die Schutzhülle wurde bald zerstört - zu oberirdischen Anlagen zurück. Gegenwärtig steht die Sache anders. Die im Boden liegenden Kupferdrähte sind in vorzüglicher Weife isolirt und außerdem mit starken Schutzdrähten ans verzinktem Eisen versehen, so daß man glaubt, ein Drahtseil vor sich zu haben. So geschützte Kabel werden "gepanzerte" genannt. Der sorgfältigen und soliden Construction entspricht auch der Preis. Eine derartige Anlage dürfte fünfmal so hoch kommen als eine oberirdisch, unter Umständen sogar sieben- bis zehnmal höher.
Auf dem Franz-Josephs-Kai kommt ein Theil der unterirdischen Leitungen aus dem Kabelhause an das Tageslicht und geht auf Säulen aus Eisen-Construction, wie solche im Parterre der Rotunde zu sehen sind, zur Augartenbrücke, von da in weiterer Verzweigung einerseits zum Nordwcstbahnhofe, andererseits zum Franz-Josephbahnhofe; zwei Drähte gehen überdies auch noch zur Fruchtbörse. Die zu den Bahnhöfen führenden Tracen haben mit Kupfervitriol imprägnirte Holzfäulen als Stützpunkte. Bei dem Letzten großen Brande der Holzlegstätten an der Roßauer Lände war der dort vorbeilaufende Leirungsstrang der größten Gefahr ausgesetz, durch Feuer zerstört zu werden, in welchem Falle die directen Telegraphen-Verbindungen nach und über Böhmen hinaus wol durch einige Tage unterbrochen geblieben waren. Wir sagen die "direkten", denn der Depeschenverkehr dahin hätte nicht aufgehört, sondern wäre nur auf andere Wege umgeleitet worden. In der den sichtbaren Drähten entgegengesetzten Richtung führen vom Kabelhause aus längs des Donaucanals andere Kabel, die in den Schoß der Erde gebettet sind. Vom Franz-Josephs-Kai bis zur Radetzkybrücke liegt ein doppelter Kabelstrang, welcher sich Hauptzollamte verzweigt und einerseits zur Franzenskettenbrucke, andererseits längs der Verbindungsbahn zum Rennweg fürht. Vom Kai bis zur Franzenskettenbrücke liegen drei je zwei Kilometer lange, zum Rennweg führen acht, je drei und einen halben Kilometer lange Kabelstücke. Jenseits der Franzenskettenbrücke steht wieder ein Kabelhäuschen, von dem aus alle Leitungen oberirdisch auf Säulen aus Eisen-Coustruction zum Nordbahnhofe weitergeführt sind, während vom Rennweg aus nur ein Theil zu Tage tritt und zum Aspanger Bahnhöfe geht. Die Partie Kai-Kettenbrücke und Kai-Rennweg wurde im Jahre 1879 gebaut. Vom Rennweg aus sind noch zwei Stränge eingegraben, die im Laufe des heurigen Sommers dem Verkehre übergeben wurden. Einer davon, aus drei Kabeln von je anderthalb Kilometern Länge bestehend, erreicht auf dem Staatsbahnhofe das Licht der Sonne; der zweite, aus fünf Kabeln von je zwei Kilometern Länge, schließt sich bei Matzleinsdorf an die oberirdischen Drähte an.
Wenn man die einzelnen Kabel zu einem einzigen Stücke vereinigen würde, so erhielten wir eine siebenfache Telegraphen-Leitung (jedes der Kabel enthält sieben Leitungsdrähte) auf eine Länge von 58½ Kilometern und würden mit derselben bis Wiener-Neustadt ausreichen. Die einzelnen Drahtleitungen aus den Kabeln herausgenommen und zu einem Draht aneinandergereiht, würden uns an der Südbahn bis einige Stationen vor Laibach führen, da die so gewonnene Leitung 409½ Kilometer lang wäre.
Die angeführten Kabel sind die Enden der in alle Welt sich verzweigenden oberirdischen Leitungen. Die einzelnen Verzweigungen innerhalb der Bahnhöfe mit ihren mannichsachen Kreuzungen und Seitenlinien detaillirt anzuführen, würde das hier zu gebende Bild nur verwirren, und wir glauben daher am deutlichsten zu sein, wenn wir die Zahl der längs der Bahnen weiterführenden Staatsleitungen angeben. So verfügt der Staat heute längs der Nordbahn über elf, längs der Staatsbahn nach Norden über zwei, nach Osten über acht, nach Südost über fünf, längs der Aspangbahn über sieben, längs der Südbahn über elf, längs der Westbahn über dreizehn, längs der Franz-Josephbahn über sieben und längs der Nordwestbahn gleichfalls über sieben Verkehrsadern, welche sich dann weiter hinaus in das Land und in alle Welt verzweigen. Die oberirdisch geführten Drähte haben einen Durchmesser von 5 Millimetern, in Städten 3 Millimeter und bestehen durchwegs aus Eisendraht.
Kehren wir zur Wiener Stadtleitung zurück, so finden wir außerdem noch Kabel, welche dem Staatstelegraphen angehören, die jedoch nur für den speciellen Dienst der "pneumatischen Rohrpost" bestimmt sind. Diese liegen längs der pneumatischen Rohre, haben eine Länge von 15 Kilometern, enthalten aber nur einen einzigen Draht. Aus jeder pneumatischen Station ist ein Morse-Apparat zur Avisirung der anlangenden und abgehenden Büchsen bestimmt, aufgestellt. Die pneumatische Rohrpost befördert die in der Central-Station einlaufenden Telegramme, sowie die sogenannten pneumatischen Briefe und Correspondenz-Karten zu 13 Filialen (zu welchen demnächst das Rathhaus und das Parlament kommen sollen). Im Telegraphen-Palais selbst und in Gumpendorf sind je eine Dampfmaschine ausgestellt, um die Luftreservoirs zu füllen, beziehungsweise zu leeren. Diese Reservoirs, große eiserne Kessel, sind mit dem pneumatischen Rohrnetze in Verbindung; aus einem derselben wird die Luft ausgepumpt und in das zweite dazugehörige Luft hineingepreßt. Bei Öffnung des entsprechenden Hahnes dringt nun in die Rohrleitung die comprimirte Luft des Compressions-Reservoirs und treibt eine Anzahl Büchsen, welche Depeschen enthalten, vor sich her. Wird der Hahn der Vacuum-Reservoirs geöffnet, so strömt aus dem pneumatischen Rohre die Luft zum Reservoir und saugt die im Rohre befindlichen Büchsen an sich. Die Rohrleitung ist theils strahlenförmig, theils kreisförmig angelegt. In dem kreisförmigen Theile braucht der Zug (die Büchsen der Stationen) circa 25 Minuten, um den Kreislauf zu vollenden, wobei schon die Aufenthaltszeit für das Herausnehmen und Hineinlegen der Büchsen inbegriffen ist. Die Geschwindigkeit, mit welcher die pneumatischen Züge von Station zu Station verkehren, entspricht annähernd der Geschwindigkeit eines Eilzuges. Den Vorgang im unterirdischen Rohrnetze kann man sich am einfachsten versinnlichen, wenn man sich ein großes, gekrümmtes Blasrohr vorstellt, an dessen einem Ende eine Person hineinbläst und an dessen anderem eine zweite Person die Luft in sich hineinsaugt. Wenn nun in dieses Blasrohr an mehreren Stellen Seitenlöcher (die Stationen vorstellend) gebohrt würden, welche durch Stöpsel abgesperrt werden könnten, so wäre es möglich, den durchgeblasenen Bolzen an den beliebig abgesperrten Punkten anzuhalten, herauszunehmen, wieder hineinzulegen und weiterblasen zu lassen. Der Verkehr auf diesem unterirdischen "Blasrohre" hat sich neuerer Zeit sehr lebhaft gestaltet, denn außer den eigentlichen Telegrammen werden täglich circa 1000 pneumatische Briefe und Karten "durchgeblasen".
Wir bemerkten früher, daß es einige "todte Drähte" gibt; das verlangt Aufklärung. Bei Zuwachs neuer Telegraphen-Verkehrsadern müßte selbstverständlich zu dem im Boden liegenden Theile ein neues Kabel zugelegt werden. Es würde unverhältnißmäßig große Kosten verursachen, einer oder zweier Leitungen wegen ein neues Kabel zu legen, und deßhalb und weil auch durch Blitzentladungcn Beschädigungen von Kabeladern stattfinden können, wurde gleich bei der Anlage für eine entsprechende Reserve vorgesorgt.
Wenn wir die Leitungen nach ihrer Verwendung rangiren, so erhalten wir zwei Hauptkategorien. Eine Gruppe ist dem Verkehr mit dem Auslande gewidmet, eine andere dem inländischen. Die erstere ist durchwegs mit Hughes’schen Typendruck-Apparaten versehen, deren Leistungsfähigkeit pro Stunde auf hundert Telegramms zum mindesten angenommen werden kann (Durchschnittsmaß zehn Worte per Telegramm). Folgende Städte des Auslandes sind Tag und Nacht permanent mit Wien in telegraphischer Verbindung: Rom, Venedig, Paris, Emden, München, Frankfurt, Dresden, Hamburg, Berlin, Breslau, Warschau, Bukarest und Konstantinopel. Während der Börsenzeit verkehren die Börsen direct mit einander, bei welchem Verkehr die schnellstmögliche Beförderung erzielt wird, damit die Zustellung der Telegramme keinen Aufenthalt erleide. Diese Correspondenz wird von den bestgeschulten Beamten auf den ausgezeichnetsten Apparaten ausgeübt, und es werden, da meist kurze Telegramme von unter zehn Worten aufgegeben werden, bis zu hundertsünszig Depeschen in der Stunde expedirt.
Die Gruppe der dem internen Verkehr dienenden Leitungen zerfällt in vier Unterabtheilungen, und zwar in die Leitungen für den Verkehr mit den Landeshauptstädten und den größeren Verkehrs- und Handelsplätzen, in jene für den Verkehr mit den kleineren Städten und Ortschaften, in jene für den Eisenbahnverkehr und dann die für den Verkehr mit Privat-Stationen. Die großen internen Leitungen werden ebenfalls fast durchwegs durch Hughes, die übrigen durch Morse-Apparate bedient. An Typendruck-Apparaten von Hughes hat die Centrale Wien 37, die Börsenstation 7 im Betriebe. Besonders wichtige Verkehrsorte haben mehrere Drähte zur ausschließlichen Verfügung, so z. B. Pest sechs.
Um die Arbeit zu bewältigen, sind in der Central-Station und den Filialen gegen 300 Beamte, welche abwechselnd Tag und Nacht im Dienste stehen (oder vielmehr sitzen), so daß die Apparate keine Minute lang ohne Aufsicht bleiben, und mehr als 100 Mädchen angestellt. Die elektrische Kraft liefern 2000 galvanische Elemente (System Daniell) größerer Form, von denen 1500 auf die Central-Station entfallen. An Depeschen werden in Wien täglich 13- bis 15,000 Stück verarbeitet, vor welcher Leistung man allen Respect haben muß, da sich der größte Theil derselben auf die Zeit von 10 Uhr Früh bis 9 Uhr Abends concentrirt. Treten außergewöhnliche Ereignisse ein, dann kann die Zahl der Telegramme eine noch bedeutendere Höhe erreichen. So hat seinerzeit der unglückselige Ringtheaterbrand eine derartige Anhäufung telegraphischer Anfragen und Antworten zur Folge gehabt, daß die Bewältigung der Arbeit nur der Tüchtigkeit der Beamten zu verdanken war.
Zum Schlüsse muß noch des Wiener Privat-Telegraphen erwähnt werden, der sein Netz auf fünf Meilen in der Runde um den Stephansthurm herum erstreckt und sich zum großen Staatstelegraphennetz etwa so verhält, wie die Omnibusse zu den Eisenbahnen. Er setzt seine Passagiere - die Depeschen - an den Staatstelegraphen ab und befördert Telegramme zwischen seinen eigenen Stationen innerhalb des ihm zugewiesenen Rayons. Außerdem hat diese Privatgesellschaft in Wien ein ausgebreiteten Telephonnetz, welches theils oberirdisch, theils auch unterirdisch angelegt ist. Wenn wir noch des städtischen Feuerwehr-Telegraphen erwähnen, welcher die Feuerwehr-Filialen mit der Centrale Am Hof verbindet und neuestens eine große Erweiterung durch die an vielen Punkten der Stadt und der Vorstädte angebrachten Feuersignal-Automaten erfahren hat, ferner der telegraphischen Verbindung der Reservoirs der Hochquellen-Wasserleitung, weiters den Polizei-Telegraphen, der auch sein eigenes Netz besitzt, dessen Maschen alle Polizei-Exposituren einschließen, so glauben wir ein vollständiges Bild des Telegraphennetzes von Wien gegeben zu haben.